DER LEGENDÄRE
OELDER WIND




Oelder Wind


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 „Sie haben dadurch groben Unfug verübt, daß Sie in der Nacht vom 29. auf den 30. März auf öffentlicher Straße Passanten in absichtlicher Weise durch Darmblähungen belästigten. Ich setze daher gegen Sie gemäß § 360 Abs. 11 RstGB eine Geldstrafe von 5 Mark fest, an deren Stelle im Unvermögensfalle eine Haftstrafe von einem Tag tritt.“

Hermann Hilger, mit dem Beinamen "der fahrlässige Kupferschmied", schaffte es 1908 mit ein bisschen heißer Luft, Oelde in der ganzen Welt bekannt zu machen. Denn dank der Berichterstattung der heimischen Tageszeitung „Die Glocke“ wurden sein Vergehen und die Reaktion des Rechtsstaats weit verbreitet und von Zeitungen auf allen Kontinenten aufgegriffen. 

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Zum "Tatgeschehen"

 Die ausführliche Begründung des Königlichen Schöffengerichts gibt das Vergehen wieder:
Durch die Aussage der Zeugen Polizeisergeanten König und Brink ist festgestellt, daß der Angeklagte mehrere Male, und zwar in unmittelbarer Nähe zuerst von 10 bis 12 vor der Gastwirtschaft ,Krone‘ stehenden Personen und dann der Zeugen selbst Winde mit Geräusch hat abgehen lassen, und zwar derartig stark, daß es das erste Mal auf 50 Meter Entfernung gehört werden konnte. Dabei hat er auffällige Bewegungen gemacht, indem er jedesmal aufsprang und sich niederduckte. Auch entzündete schließlich einer von seinen Begleitern ein Streichholz und ging hinter ihm her, wie um die Gase anzuzünden. Während des Vorgangs hat er mit seinen Begleitern laut und auffällig gelacht. … Es handelt sich im vorliegenden Falle nicht um die einfache Befriedigung eines Bedürfnisses, sondern es muß in dem ganzen Vorgange ein den Anstand verletzendes, nach außen hin sich zeigendes Verhalten erblickt werden, das das Publikum sich nicht gefallen zu lassen braucht.

 Hermann Hilger, der in der damaligen Kupferschmiede von Bernhard Uhrmeister beschäftigt war,  wartete die Gerichtsverhandlung nicht ab, die im ehemaligen Amtsgericht, der heutigen Stadtbibliothek, am 9. Juni 1908 stattfand. Einen Tag vorher verschwand er. Sp
ätere Recherchen ergaben, dass er das Strafgeld von fünf Mark von Mainz aus geschickt hat. 1913 heiratete er in seinem Geburtsort Magdeburg. Das Ehepaar bekam zwei Söhne und zwei Töchter. Im Alter von 63 Jahren starb der „Fahrlässige Kupferschmied“ in Magdeburg.  

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"What happened in Germany?"

Unter der Überschrift: „What happened in Germany?“ befasste sich selbst der „New York Herald“ mit dem Ereignis und erörterte es eingehend.
In "Die Glocke“, die das Thema genussvoll aufarbeitete, stand zu lesen: „Man kann den Menschen oft mit einer Kleinigkeit Pläsier machen. Die Erfahrung machte auch der Kupferschmiedgeselle Hermann Hilger von hier, der Hunderte Millionen von Menschen zum Lachen gebracht und den Ruhm von Oelde in alle Erdteile getragen hat wie niemals ein Oelder zuvor.“ 


Notgeld der Stadt Oelde aus dem Jahre 1921




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Das Gedicht vom "fahrlässigen" Kupferschmied

Auch Oelder Notgeld wurde mit dem Vorfall bedruckt.  Der in Sammlerkreisen besonders begehrte 5-Mark-Notgeldschein brachte unter der Abbildung des nächtlichen Vorfalls aus der Feder des Kunstmalers Heinrich Uhrmeister ein Gedicht, das heute noch gern in der Stadt Oelde zitiert wird: 

Der Kupferschmied, den man hier schaut,   
der pupte eines Abends laut.
Ein Schutzmann nahm ihn voll Empörung
in Strafe wegen Ruhestörung.
Da legt‘ der Schmied Berufung ein.
Solch Ton könnt‘ kein Verbrechen sein,
auch hätte er auf leerer Straßen
nur Oelder Winde fahren lassen.
"Die Glocke“ meldete den Fall
alsbald dem ganzen Erdenball,
und überall erscholl das Liedchen
vom fahrlässigen Kupferschmiedchen.

Auch heute noch präsent

Zwei Bronzefiguren, geschaffen von Leo Neumann, erinnern heute in der Ratspassage an das Geschehen. Aber auch weitere Erinnerungswerke wurden von Künstlern entworfen. Ein bleiverglastes Buntfenster, das Heinrich Wiegard nach Abbruch der „Götz-Klause“ der „Glocke“ vermacht hat, zeigt die Szenerie auf der Langen Straße. An der Hauswand der früheren Amtsrentei (Grüner Weg 13) hat der Oelder Bildhauer Georg Kemper die Kupferschmied-Szene in einem Sandsteinrelief gestaltet, und der Ennigerloher Fabrikant Andreas J. Rottendorf (1897–1971) gab eine Tafel beim Bildhauer Heinrich Gerhard Bücker in Vellern in Auftrag. Diese Tafel hängt heute am Oelder Rathaus. Auf ihr hatte Rottendorf gereimt:

„Was hier im Wigbold einst geschah,
bracht‘ alle Welt zum Lachen.
Könnt‘ der Humor nicht jeden Tag
uns stillvergnügter machen?“

Artikel der "Glocke" aus dem Jahre 1933