JÜDISCHES LEBEN

Jüdisches Leben

Gesichter Oeldes, der Stadtspaziergang

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Lindenstraße, vor 1900

Louis Weinberg (1863-1933)

Der hoch geschätzte Louis Weinberg war bereits 1881 Mitbegründer der Feuerwehr. Er engagierte sich  in der Oelder Stadtgesellschaft, gehörte bis 1932 dem Repräsentantenhaus an. Die Familie betrieb ein Herrenoberbekleidungsgeschäft in der Langen Straße und beschäftigte bis zu acht Schneider. Zeitzeugen berichten, dass die Familie  arme Kommunionkinder unterstützte. Nach dem Boykott jüdischer Geschäfte gingen die Oelder  durch die Hintertüre zum Einkaufen.  Louis Weinberg und seine Frau Berta starben, bevor sie ausreisen konnten. Berta Weinberg wurde 1940 als letzte mit offizieller Duldung der Stadtverwaltung auf dem jüdischen Friedhof beerdigt. 

  • Anfänge jüdischen Lebens in Oelde

    Anfänge  jüdischen Lebens

    Jüdisches Leben ist im Stift Münster seit dem 12. Jahrhundert nachweisbar. Bis zur   europaweiten Verfolgung infolge des Schwarzen Todes im Jahre 1350 lebten Juden im östlichen Münsterland in Beckum, Warendorf,  Rietberg und Wiedenbrück. Es ist anzunehmen, dass sie als Wanderkaufleute auch in Stromberg und Oelde tätig waren und hier lebten. Danach war  alles jüdische Leben in Westfalen für lange Zeit ausgelöscht. 
    Urkundliche Nachweise für jüdisches Leben in Oelde finden sich erst wieder für die Zeit ab  der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts.  Als gesichert gilt, dass seit 1678 ununterbrochen Juden in Oelde gelebt haben.  

    Jüdisches Leben in Zahlen

    1740: 2 Familien mit 10 Personen in Oelde
    1795: 4 Familien mit 20 Personen in Oelde und 3 Familien mit 13 Personen in Stromberg
    1803: 5 Familien mit 26 Personen in Oelde und 3 Familien mit 11 Personen in Stromberg
    1932:  53 Mitglieder 

    Rechtliche Gleichstellung  der Juden 

    Zu Beginn des 19. Jahrhunderts änderte sich die rechtliche Stellung der Juden in Westfalen grundlegend.   Die Aufklärung  in Frankreich wie in Preußen forderte  die Gleichberechtigung der Juden, die Französische Revolution hatte sie für Frankreich eingeführt. 1799 hatte Napoleon dort die Regierungsgewalt übernommen und 1801 Kaiser Franz I. zur Abtretung des gesamten linken Rheinufers gezwungen.   Die dort regierenden weltlichen Fürsten wurden entschädigt, die geistlichen Fürstentümer wie das Fürstbistum Münster aufgehoben.  Der östliche Teil des Münsterlandes fiel schließlich an Preußen.   1806 wurde es dem Großherzogtum Berg zugeschlagen, dessen Regierung Napoleon 1808 selbst übernahm. Er ordnete an, die Juden den übrigen Bewohnern in ihren Rechten und Pflichten  gleichzustellen.

    Damit waren die Juden (auch) in Westfalen von ihrer Sonderabgabe befreit und es stand ihnen das Recht frei, ihren Wohnsitz selbst zu wählen. Bis zu diesem Zeitpunkt benötigten sie ein Aufenthaltsrecht. Nach dem Wiener Frieden, der es  für die Juden bei den "bestehenden Vorschriften" beließ, fiel das Münsterland endgültig wieder an Preußen  (1815). Der Zugang zu öffentlichen Staatsämtern blieb Juden weiterhin verwehrt, wohingegen sie zur Wehrpflicht herangezogen wurden.   Mit der preußischen Verfassung von 1850 galten die bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte   unabhängig vom religiösen Bekenntnis, mit einer Ausnahme: Juden blieb der Dienst im Justiz- und Schulwesen verwehrt. 

  • Integration von Jüdinnen und Juden  in Stadt und Gesellschaft

    Seit Beginn des 19. Jahrhunderts bemühte sich die jüdische Gemeinschaft um die Integration in die Stadtgesellschaft - zur Überwindung des Lebens einer am Rande der Gesellschaft stehenden Minderheit. Das Gedankengut der Aufklärung hatte hierfür die Grundlagen geschaffen.  Der lange Weg der jüdischen Minderheit zur vollen Integration dauerte in Oelde fast ein Jahrhundert.   Joseph Jacobson, Vorsteher der Synagogengemeinde, vermachte in seinem Testament den "Oeldischen Armen ein Kapital von 100 Reichsthalern" mit der Auflage, dass die Zinsen je zur Hälfte den jüdischen und christlichen Armen zugute kommen sollten.  Um das Gemeinwohl besorgte Männer kamen im Frühjahr 1881  zusammen, um die Freiwillige Feuerwehr zu gründen - unter ihnen die jüdischen Mitbegründer Benjamin Daltrop, Louis Weinberg und Louis Schreiber. 

    Bei der Gründung des Männergesangsvereins im Jahre 1848  waren jüdische Mitglieder noch  nicht vertreten - dazu war die Zeit noch nicht reif. Im letzten Viertel dieses Jahrhunderts finden sich unter den  engagierten Sängern jedoch zahlreiche jüdische Namen. An der Wiederbelebung des Vereis am 9. Dezember 1873  war auch Nathan Hoffmann beteiligt.  Als er  im Jahre 1902 schweren Herzens aus Altersgründen nach 44 Jahren auf eine aktive Mitgliedschaft verzichtete, wurde  er  seiner Verdienste  wegen zum Ehrenmitglied ernannt. 

    Auch in der Schützengesellschaft  finden sich zum Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche jüdische Namen in den Mitgliederlisten - und  in den Throngesellschaften.  1921 schoss Louis I. Steinberg den Vogel ab.   Maria VII. Mühlenkamp wurde Königin,  auch Erich  Weinberg gehört der Throngesellschaft an. 

    1921: Throngesellschaft  mit dem Ehepaar Weinberg (erste Reihe, rechts)
    1921: Throngesellschaft der Schützengesellschaft Oelde mit Schützenkönig Louis Steinberg und Königin Maria VII. Mühlenkamp sowie Louis Weinberg (erste Reihe, rechts)



    Im Kriegerverein schlossen sich nach dem Ersten Weltkrieg die Kriegsteilnehmer zusammen, darunter auch einige jüdische Mitglieder.

    1915: Im Kriegerverein  schlossen sich nach dem ersten Weltkrieg die Soldaten zusammen, darunter auch einige jüdische Mitglieder


    Die Würdigung ihrer Leistungen für die Gesellschaft   darf als Beweis für die Integration in die Oelder Gesellschaft gewertet werden.  Gemeinsam feierte man viele Feste. Josua Hope, Julius Fritzler und A. Schreiber übernahmen Verantwortung im Verein.  Umso tragischer war es dann, als sich in diesem für die jüdischen Bürger so wichtigen Verein nationalsozialistisches Gedankengut verbreitete. Am 29. Januar 1933, einen Tag vor der Machtergreifung Hitlers, sind einem Bericht zufolge  zwei führende Funktionäre der Oelder NSDAP an die Spitze des Kriegervereins gewählt worden. Als Josua Hope voller Stolz zum jährlichen Kriegerfest die deutsche Flagge hissen will, wird ihm dieses mit den Worten "Du Judenschwein hast kein Recht, die deutsche Flagge zu hissen!"  untersagt. 

  • Synagoge & jüdische Privatschule 

    Seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts lassen sich wenige jüdische Familien in Oelde urkundlich nachweisen; ihre Anzahl blieb auch im 17. und 18. Jahrhundert stets gering. 
    In einem Dokument aus dem Jahre 1740 ist von einer, offensichtlich bereits seit längerem bestehenden, Synagoge die Rede. Es dürfte sich dabei mit großer Sicherheit nicht um ein separates, als Sakralbau erkennbares Gebäude, sondern um ein relativ kleines bescheidenes Zimmer in einer privaten Wohnung gehandelt haben. Immerhin besaßen 1740 nur zwei in nicht gerade üppigen Verhältnissen lebenden Familien mit etwa 10 Personen ein Aufenthaltsrecht in Oelde. 

    Trotz der geringen Zahl der Juden, die  seinerzeit in Oelde lebten, erfolgt im Jahre 1742 die bischöfliche Genehmigung zum Bau einer Synagoge. Sie entsteht im Garten des Nathan Samuel in einstöckiger Bauweise.

     Offen ist, ob sich jüdische Familien aus Nachbarorten  an den Bau- und Unterhaltungskosten beteiligt haben. In den nachfolgenden Jahrzehnten muss die Zahl jüdischer Familien allmählich zugenommen haben, dieses zumindest belegen Grundbesitzunterlagen.

    1784 bestanden Pläne zum Bau einer weiteren Synagoge im Amt Stromberg. Die drei dort lebenden Familien  wünschten sich ein eigenes Bethaus. Nathan Samuel protestierte gegen diese Pläne beim Fürstbischof, weil er selbst und seine Vorfahren für den Bau der Oelder Synagoge   hohe Kosten aufgewendet hätten und auch der Unterhalt eine Herausforderung sei. Der Rechtsstreit scheint sich über Jahre hingezogen zu haben. Die Stromberger besuchten danach tatsächlich am Sabbat den Gottesdienst in Oelde.   

    In einem   Schreiben aus dem Jahre 1829 spricht die jüdische Gemeinde selbst von einer Mietwohnung. Die Kosten müssen privat aufgebracht werden,   die Gemeindemitglieder hatten jährlich 5 Reichsthaler aufzubringen, vermutlich handelt es sich um Miet- oder Zinszahlungen.   Rund 70 Jahre diente dieses Gebäude als Bet- und Versammlungsraum. Schließlich befand  sich das Gebäude in einem sehr schlechten Zustand und der Raum reichte für die vergrößerte Gemeinde nicht mehr aus.

    Im Sommer 1828 teilte der Oelder Bürgermeister dem Landrat in Beckum mit, "Die hiesige Judenschaft hat kein Schullokal, und deren Synagoge gleicht wegen ihrer Beschränktheit und schlechten baulichen Einrichtung eher einem Viehstall als einem zur Gottesverehrung geweihten Orte". Jetzt wolle man einen Neubau erreichen und habe das "Haus des Bürgers Bäumker gekauft,     um hinten am Garten eine geräumige Synagoge anzulegen, darnach das Schulzimmer auszubauen und vorne an der Straße die Wohnung für den jüdischen Lehrer einzurichten, indem auch dieses immer mangelte."

    Seit 1853 bestand die Synagogenhauptgemeinde Oelde, der auch die wenigen jüdischen Familien aus Stromberg, Ennigerloh, Ostenfelde und Wadersloh angeschlossen waren.

    Eine private jüdische Schule existierte in Oelde seit Anfang des 19. Jahrhunderts; sie bestand - mit Unterbrechungen - bis 1922.  Die jüdische Privatschule besuchten zwischen nur einem und zwanzig Schüler. Die stark  schwankenden, oftmals zu geringen Schülerzahlen bereiteten immer wieder Zahlungsengpässe - denn die Eltern stellten mit dem Schulgeld auch einen Teil des Lehrergehaltes sicher. Dass die Auflösung erst nach dem Ersten Weltkrieg erfolgte, ist dem hartnäckigen Kampf der jüdischen Gemeinde zu verdanken. 

    Um 1815/1820 wurde  folgender Bericht verfasst:
    (Die jüdische Gemeinde Oelde hatte einen) „vom Rabiner qualifiziert befundenen Lehrer zum Unterricht ihrer Kinder, zum Dienst in der Synagoge, auch zum Schlachten. Seine Kost erhält er von den einzelnen Mitgliedern abwechselnd, die übrige Besoldung richtet sich nach dem getroffenen Contracte. Die Erfahrung beweiset es, dass diese Lehrer meist nur sehr wenig unterrichteten und gebildete Männer sind. Sie werden meist wie Knechte gedungen und nach den Launen der Mitglieder, welche nur zu sehr der Eigennutz hierbei leitet, entlassen, daher der schädliche öftere Wechsel. Da die Lehrer nun so gar nichts festes haben, und unter fast gar keiner kontrollierenden Aufsicht stehen, so ist an eine fortschreitende Bildung gar nicht zu denken. Die meisten Kinder besuchen dann auch die Ortsschule, wo sie in deutschlesen, Schreiben, rechnen Unterricht erhalten. Auf ihre moralische Bildung kann dies aber nur geringen Einfluß haben.” (aus: Albert Pauls, Zur Geschichte der Juden in Oelde, S. 672)


  •  Rechtzeitige Ausreise sichert Überleben

    Erich Weinberg, der älteste von drei Söhnen des Ehepaars Louis und Berta Weinberg, geboren am 3. August 1902, wohnte nach 1933 in Bielefeld. Er war im Oelde der 1920er-Jahre als Mitglied im  Gesangs- und Schützenverein ein beliebter und populärer Gesellschafter. Später sollen ihn seine Oelder Freunde sehr schlecht behandelt haben. 

    Erich Weinberg  soll bei Auswanderungen behilflich gewesen sein: "Er soll sich schon früh unter dem Vorwand, auf Reisen zu gehen, einen Aufenthaltsort im Ausland  gesucht haben. Er kam aber mehrmals nach Oelde zurück, um mit den Daheimgebliebenen die Ausreise zu planen und geeignete Auswanderungsorte zu suchen. Er handelte offenbar im gewissen Einvernehmen mit höheren Parteistellen und soll manchem geholfen haben. 

    Am 7. März 1938 bat Erich Weinberg um Einsichtnahme in das Judenregister von Oelde. Man kann daran annehmen, dass er sich eine Übersicht über die noch in der Stadt befindlichen Juden verschaffen wollte. Das wurde genehmigt. Einige Monate später begann die Ausreise der verschiedenen jüdischen Familien, die dann noch bis Juli 1939 andauerte. Erich Weinberg könnte tatsächlich der Motor gewesen sein. 
    Er hielt sich sogar noch kurz vor Beginn der Deportationen in Deutschland auf. Im März 1941 teilte er mit, dass er den Vornamen Israel angenommen habe. Wie er dann noch hat flüchten können, ist unbekannt. Zeitzeugen berichten, er sei erst Anfang des Krieges über Portugal mit einem kleinen Koffer und 50 Dollar als einzigem Gepäck in die USA gelangt. 

    37 Mitglieder der jüdischen Gemeinde haben die Verfolgung - auch durch frühe Ausreise - überlebt, 16 Mitglieder aber haben ihr Leben hingeben müssen. Seither gibt es keine jüdische Gemeinde mehr in Oelde.

  • Die Reichspogromnacht

    In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938  zerstörten     SA- und SS-Angehörige den Synagogenraum und warfen  Kultgegenstände auf die Straße. Das Gebäude selbst blieb unzerstört, da bereits Kaufabsichten eines „arischen“ Nachfolgers bestanden. Mit Unterstützung von  SA-Leuten aus Ahlen zerstörten einheimische NS-Aktivisten das Eigentum jüdischer Bewohner und versetzten die Menschen in Angst und Schrecken. Die wenigen noch in Oelde lebenden Juden wurden in zwei „Judenhäusern“ zusammengelegt und Ende 1941 mit Sammeltransporten „in den Osten“ deportiert.   Nachweislich mindestens 13 aus Oelde stammende bzw. hier längere Zeit ansässig gewesene Juden wurden Opfer des Holocaust.
    Der ehemalige Oelder Bürgermeister, der bei der Durchführung der Deportation aktiv tätig gewesen war, wurde 1961 wegen „Beihilfe im Amt zu schwerer Freiheitsberaubung“    zu einer Haftstrafe von einem Jahr verurteilt. 
    (Jüdische Gemeinde - Oelde (Nordrhein-Westfalen) (xn--jdische-gemeinden-22b.de) / Angaben aus: Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938, S. 415 und S. 643)

Die Reichspogromnacht  - Zeitzeugen berichten

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Ralph Drüke

damals 6 Jahre alt

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Heinz Renk

damals 12 Jahre alt

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Marietheres Krupp

damals 12 Jahre alt

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Walter Fritzler

Brief an einen Schulfreund

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Die Lindenstraße um 1910, in der auch Sophia Aschenberg lebte

Das Schicksal Sophia Aschenbergs

Ansichtskarte  mit Blick in die Lindenstraße, in der Sophia Aschenberg lebte (um 1910)

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  • Der jüdische Friedhof

    Wer nach Jerusalem fährt und das „Tal der zerstörten Gemeinden“ in Yad Vashem besucht, findet dort auf einem Steinblock mehr als 5.000 ausgelöschte jüdische Gemeinden aufgelistet. Auch der Name der vernichteten jüdischen Gemeinde Oelde steht verzeichnet. In Oelde zeugt noch ein kleiner jüdischer Friedhof von der Zeit, als jüdische Familien ihre Heimat in dieser Stadt hatten.

    Königskämpken hieß im Volksmund dieses Gelände jenseits des Stromberger Tors zum Axtbach hin, dass die Witwe Schüling 1848 verkaufte. Der eine Teil ging in Besitz der jüdischen Gemeinde Oelde über, die am Ende der Straße Zur Brede den Friedhof anlegte. Er folgte auf einen Begräbnisplatz mit wenigen Grabstellen an der Unteren Bredenstiege. Jenes Gelände wurde vermutlich aufgegeben, weil es Nachbarschaftsprobleme gab.


    Auf dem Friedhof von 1848 findet man heute etwa 40 Grabsteine. Um die 60 jüdische Bürger sind hier beerdigt worden, zuletzt Berta Weinberg im Jahr 1940. Seit dem Altertum ist das Aufstellen von Grabsteinen den Juden geheiligter Brauch. Der Grabstein, oftmals mit hebräischer Beschriftung versehen, wird in einer Zeremonie enthüllt; Psalter werden gelesen. Dann liegt das Grab in ewiger Ruhe.

    Unterschiedliche Gestaltungen der Grabsteine beeindrucken den Besucher: Über dem Kindergrab trauert der abgeschlagene Baumstamm, ein bemerkenswertes Symbol aus Stein.  Dann sieht man eine schwarze Glastafel, die den Eindruck erweckt, als sei irgendwann einmal auf sie geschossen worden. Doch so war es nicht, der Frost hat die nicht einwandfrei verarbeitete Glastafel platzen lassen. Wer heute auf den Friedhof kommt, findet gelegentlich auf diesem oder jenem Grab kleine Steine liegen – Zeichen dafür, dass Juden aus aller Welt weiterhin kommen und ihre Toten besuchen. Aber warum Steine? 

    Tonda Knorr erklärt das in ihrem Buch „Totenwache“ in einem kurzen Gespräch zwischen Sina und Franzi: „Und weißt du, wie wir unsere Toten ehren?“, fragt Sina. - Franzi antwortet: „Ich glaube, ihr legt Steine auf die Gräber. Warum macht ihr das?“ - Sina erläutert es: „Ach, dafür gibt es viele Erklärungen. Manche sagen, so sieht man, dass das Grab besucht worden ist. Das kommt aus der Zeit, zu der unser Volk noch durch die Wüste gewandert ist (Gräber müssen vor Aasfressern befestigt werden). Andere sagen, dass der Stein auch als Zeichen gesehen werden kann, dass am Lebenswerk des Toten weitergebaut wird. Und wenn Blumen für die Lebenden sind, dann Steine für die Toten, da Steine dem Schmerz Ausdruck geben. Auf alle Fälle ist es unsere Art der Ehrerbietung.“


    37 Mitglieder der jüdischen Gemeinde haben die Verfolgung - auch durch frühe Ausreise - überlebt, 16 Mitglieder aber haben ihr Leben hingeben müssen. Seither gibt es keine jüdische Gemeinde mehr in Oelde. Der  Friedhof wird heute gepflegt vom städtischen Baubetriebshof sowie von  Initiativen von Oelder Schulen. 

BILDERGALERIE


Quellennachweis:
"Ausgegrenzt Anerkannt Ausgelöscht"; Walter Tillmann, herausgegeben vom Kreisgeschichtsverein Beckum-Warendorf e.V.; Band 41, 2003)
"Oelde, die Stadt in der wir leben", herausgegeben vom Kreisgeschichtsverein Beckum-Warendorf e.V. und Aemtersparkasse; 1987)
Jüdische Gemeinde - Oelde (Nordrhein-Westfalen) (xn--jdische-gemeinden-22b.de) ; Stand  12.03.2022
Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938, S. 415 und S. 643